Freeskiing, Trailrunning, Mountainbiken - Die "Jungen Wilden" im ARBERLAND

Beruflich voll durchstarten, Ausgleich und Erholung im Hobby finden und das Leben ansonsten in vollen Zügen genießen – so definieren die meisten von uns „Work-Life-Balance“. Manche kommen diesem Ideal näher als andere. Wir haben mit drei Freizeitsportlern aus der Region gesprochen, für die es gelebte Wirklichkeit ist: Softwareentwickler/Trailrunner Martin Pfeffer, Lehrer/Freeskier Tommy Dötsch und Tattoo-Artist/Mountainbiker Dominik Fouquet. Im Gespräch wollen wir mehr über die „Passion ARBERLAND“ erfahren. Was macht das Leben und Arbeiten im Landkreis Regen so spannend?

Martin Pfeffer

Rock´n´Roll für Körper, Seele und Geist

Zum Laufen kam der heute 30-jährige Martin Pfeffer als Jugendspieler des SV Gotteszell. Weil er unabhängiger vom „Fahrdienst“ seiner Eltern sein wollte, begann er kurzerhand, die Strecke ins Training und nach Hause zu Fuß zurückzulegen. Den Startschuss fürs Trailrunning selbst lieferte ein Münzwurf: „Ich hatte die Ausschreibung des 'Ultra Trail Lamer Winkels 2015' gelesen und haderte, ob ich bei aller Kondition 56 Kilometer mit 2400 Höhenmetern durchhalte.“ Fortuna besiegelte seine Entscheidung und schnell war klar: „Des is genau mei Weda!“ Seither lässt er kaum einen Wettkampf aus und konnte sich beim „RUN2“, einem neuen Format innerhalb des „Transalpine Run“ 2018 sogar überraschend den ersten Platz sichern.

Für Pfeffer bedeutet Trailrunning „abschalten, nachdenken, meditieren, auspowern und abreagieren.“ Ganz allgemein versteht man darunter aber Langstreckenläufe abseits des Asphalts – auf Forststraßen, Waldwegen und durch Berglandschaften. Ist es da auf Dauer nicht vielleicht sogar ein wenig langweilig im Mittelgebirge? „Das täuscht!“, meint Pfeffer. „Wir haben in der Zwölf-Tausender-Zone, aber auch rund um Rachel, Falkenstein und Geißkopf technisch äußert anspruchsvolle und landschaftlich reizvolle Trails, die große Höhenunterschiede anderswo vergessen machen. Man muss also nicht unbedingt weit verreisen, um das Gipfelglück mit brennenden Wadeln zu spüren.“ Ob er bei so vielen Kilometern durchs ARBERLAND eine Lieblingsstrecke hat? „Ich nenne sie meine 'Homerun-Tour' und zwar deshalb, weil ich nur die Füße vor die Haustür werfen muss und schon geht’s los mit 30 Kilometern Rundlauf von Ruhmannsfelden über Ödwies nach Kalteck und über Gotteszell zurück.“

Oft lässt Pfeffer – er ist Softwareentwickler bei Rohde&Schwarz in Teisnach – auch auf dem Weg zur Arbeit das Auto stehen. „Ich finde nicht nur, dass das perfekt fürs Zeitmanagement ist, sondern auch für die Konzentrationsfähigkeit.“ Neben Job und Laufhobby organisieren er und seine Freunde das „Rock The Hill“-Festival am Geißkopf. Pfeffer sei stolz darauf, ein Event dieser Größenordnung „bei uns dahoam“ ausrichten zu können. „Natürlich ist das alles zeitintensiv“, gibt er zu. „Dafür mache ich andernorts gerne Abstriche. Zum Beispiel habe ich keinen Fernseher.“ Ab und an ist der Zachenberger auch gemeinsam mit Kollegen auf der „Kuhalm“ in Bodenmais anzutreffen. Der daraus entstandene Lauftreff nennt sich hintersinnig „Kuhalm Runnings“. „Inspiration war der Kultfilm 'Cool Runnings', in dem eine Truppe jamaikanischer Jungs die Bob-Szene aufmischt“, erklärt Pfeffer. „Wie sie sind auch wir beim Sport mit einer großen Portion Spaß unterwegs.“ Die Kunst im Leben sei es, das Kleine wertschätzen zu können: „Dazu zähle ich neben Familie und Freunden auch die Region – zusammen mit ihren Bergen.“

Tom Dötsch

Ein Spielplatz für Erwachsene

„Freeskiing“ - das ist ein etwas unscharfer Begriff für unkonventionelles Extremskifahren, sowohl in künstlich angelegten Parks als auch im Tiefschnee und im Gelände. Der 29-jährige Tommy Dötsch aus Lindberg spricht salopp von „Parkour mit Brettern an den Füßen“, einem „Spielplatz für Erwachsene“.

Während er im Alltag gerne mit dem Longboard unterwegs ist, erwacht beim ersten Schneefall die Leidenschaft fürs Skifahren. Als Sechsjähriger bekam Dötsch sein erstes Snowboard geschenkt, mit 13 folgten die „Twintips“. So nennen Freeskier ihre an beiden Enden aufgebogenen Bretter, mit denen sie scheinbar mühelos über Schanzen springen, Geländer hinuntergleiten und rückwärts fahren. Was alle Sportarten, die Dötsch vom Inlineskaten bis zum Slacklinen faszinieren, gemeinsam haben: Spontanität und Kreativität! „Man braucht keine fixen Termine und keinen Verein, lediglich eine 'Crew', um a Gaudi zu haben“, erklärt er. „Wir waren immer ein paar Freunde, die sich Hindernisse ausgedacht und gebaut haben. Zur sportlichen Ausführung gehört es für mich unbedingt, eine genaue Vorstellung vom jeweiligen Hindernis zu haben. So lernt man Risikomanagement und Grenzen austesten. Ganz nebenbei kommt dann auch das Erfolgserlebnis in der Gruppe.“

Man hört es gleich: Tommy Dötsch ist Sportlehrer, genauer gesagt „Staatlich geprüfter Sportlehrer im freien Beruf". Parallel zu seinem Abschluss an der TU München wurde Freeskiing 2014 olympische Disziplin. Für die daraufhin an der Wintersporteliteschule CJD Berchtesgaden geschaffene Stelle als Stützpunkttrainer konnte sich Dötsch erfolgreich bewerben. Mit einem seiner Schützlinge fuhr er 2016 als Landestrainer zu den Olympischen Jugendspielen ins norwegische Lillehammer. Hier belegten die Bayern Platz 12.

Nach seiner Zeit am CJD zog es den Lindberger zunächst zurück nach München, im Herbst 2018 dann wieder ganz nach Hause. „Alles hat seine Zeit“, meint er. „So aufregend es in der Großstadt war, irgendwann wurde das Bedürfnis, den Bayerischen Wald nicht mehr nur als Wochenendtourist zu genießen, einfach größer.“ Hinzu kam die Familienplanung. „Mit einer einjährigen Tochter verschieben sich die Prioritäten. Es müssen nicht mehr die 'Big Mountain Lines' von Alaska oder Tirol sein. Ich genieße es vielmehr, mir morgens bei Sonnenaufgang wirklich bewusst Zeit zu nehmen, zum Beispiel für unseren Lindberger 'Haushugel', den Riesberg.“ Heute erscheint ihm selbst Regensburg als Wohnort nicht mehr geeignet: „Bis zur ersten Abfahrt und wieder zurück muss man einen ganzen Tagesausflug einplanen. Da trete ich lieber vor die Haustüre, nehme die Schaufel in die Hand oder suche mir einen der verspielten kleinen Orte, von denen es bei uns so viele gibt.“ Beruflich hat Dötsch mittlerweile mehrere Standbeine: Neben einem Angestelltenverhältnis verwirklicht er selbständig sein Herzensprojekt „360° Activity“, in dessen Rahmen er Menschen mit tausendundeinem Sportangebot für Bewegung begeistern möchte.

Dominik Fouquet

Unter die Haut

„Und was ist, wenn du dabei aufs Handgelenk fällst?“ Dominik Fouquets Augen weiten sich eine Sekunde. Er lässt das Smartphone sinken, auf dem er gerade noch die vergangene Saison im MTBZone-Bikepark am Geißkopf hat Revue passieren lassen. Dann lacht er verlegen: „Na, das sollte mir besser nicht passieren.“ Der 27-Jährige ist der Mann für filigrane Motive im „Tattoo by Alex“, einem der ältesten Tattoo- und Piercingstudios der Region. Aus der Taufe gehoben hat die Körperkunstwerkstatt sein Vater Alex Fouquet Anfang der 90er Jahre.

„Mit dem Mountainbike bin ich schon unterwegs, seit ich Radfahren kann“, erzählt der Bodenmaiser. „Ich hatte gleich zu Beginn ein sehr cooles Modell, auch wenn es natürlich nicht aus Carbon, sondern ein ziemlicher ‚Eisenhaufen‘ war.“ Den einzigen Motivationsknick verzeichnet er (außerhalb von Verletzungen) während der Führerscheinzeit: „Danach hat sich allerdings auch mein Blick aufs Mountainbiken verändert: Weg vom Fortbewegungsmittel – hin zu Ausgleich und Adrenalin. Sport mag ich angesichts des Spaßfaktors eh fast nicht sagen.“ Freundin und Kollegin Selina teilt seine Liebe zu Trails.

Gemeinsam sind die beiden Tätowierer nicht nur jedes Jahr wieder am Geißkopf anzutreffen, sondern auch in den größeren Bikeparks Österreichs. „Downhill episch“, fasst Fouquet zusammen, winkt dann aber ab: „Wenn man dreieinhalb Stunden Anfahrt rechnet und die Kosten für Tickets und Logis, bekommt man bei uns, wo andere Leute Urlaub machen, schon wesentlich mehr für sein Geld.“ Professionell in Szene gesetzt sind ihre Touren auf Fouquets Instagram-Account tattoo.maker und dem gemeinsamen Kanal world_is_calling. „Übers Mountainbiken bin ich auch zum Filmen und Schneiden gekommen“, erzählt er selig. „Erst kommt die Action, dann die Dokumentation bzw. Postproduktion“. Das finden mittlerweile auch Sponsoren.

Die US-Westküste, Mexiko, Hawaii, Island, Thailand, Portugal, Kreta, Mallorca, Slowenien, Kroatien, Paris, Venedig – Wird es einem bei so vielen „Pins“ in der Weltkarte nicht ein wenig eng in der 3.500-Seelen-Gemeinde Bodenmais? „Auswandern? Nein, das würde mir nie einfallen“, meint Fouquet bestimmt. „Und das liegt nicht allein am Geschäft zu Hause. Ich finde, wir haben im Landkreis Regen so viel Abwechslung: Wenn es warm ist, schwinge ich mich nach der Arbeit noch aufs Bike und fahre zum Silberberg. Selbst bei einer kleinen Runde kann man spektakuläre Aufnahmen machen. Bis in den Oktober hinein. Im Winter geht’s mit dem Snowboard zum Arber. Bei uns ist immer etwas geboten. Man muss nur seine Augen offenhalten. Und wenn uns dann das Fernweh packt, sind wir ja gleich in einer der größeren Städte oder am Flughafen.“