Gabi Späthe - Nachbarschaftshilfe Frauenau

Über den Verein: Als Teil des Förderprojekts „Besser leben im Alter mit digitalen Lösungen“ (gefördert vom Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales) und initiiert durch den Technologie Campus Grafenau (TCG) hat die Gemeinde Frauenau ihre „Nachbarschaftshilfe in da Au“ ins Leben gerufen. Kostenlose und unbürokratische Hilfe wird im Haushalt, bei Fahrdiensten, beim Schriftverkehr und Umgang mit technischen Geräten geleistet, zudem aber bei der Beratung sowie Vermittlungen von Leistungen im Bereich häuslicher Pflege und Gesundheit sowie in vielen anderen Fällen und Ausnahmesituationen.

Hilfe in der Not, Begleitung sozialer Einrichtungen, Bewahrung des gesellschaftlichen Miteinanders, Kulturförderung – die Liste des freiwilligen Engagements und der Menschen dahinter ist lang.

Die projektbegleitende Kurzumfrage „Ehrenamt im ARBERLAND in Zeiten von Corona“ hat hervorgebracht, wie der anhaltende Lockdown von heimischen Vereinsmitgliedern erlebt wird: Der Druck durch brachliegende Vereinstätigkeiten und fehlende Einnahmen steigt und die digitale Kommunikation ist für manche eher Problem als Lösung. Die wachsende Angst vor der Post-Pandemie und das Ausschauhalten nach einem Silberstreif am Horizont gehen Hand in Hand. Dennoch besteht Hoffnung auf eine Besserung der Situation. Man arbeitet mit ungebrochenem Durchhaltevermögen, Einfallsreichtum und Flexibilität. „Wir möchten die Geschichten einiger unserer Ehrenamtler*innen erzählen und damit auch andere motivieren, dabeizubleiben und ihr unschätzbares Wirken in der Gesellschaft in schweren Zeiten nicht aufzugeben“, erklärt Schneider.

„Ehrenamt, das ist für mich keine Stundenanzahl die man wöchentlich einem Verein schenkt, sondern eine Lebensweise“

Alles begann 2017, als Frauenau, begleitet vom Technologie Campus Grafenau, zum „Digitalen Dorf“ wurde: „Um den Umgang mit elektronischen Geräten zu erlernen und zu vermitteln, gründete sich aus interessierten Einwohnerinnen und Einwohnern ein Digi-Stammtisch. Dieser blieb auch nach der offiziellen Projektbetreuung bestehen und hatte bald schon den 'Kultursalon Isidor', wiederum Herzensangelegenheit meiner Tochter Lisa, zu seinem Hauptquartier auserkoren“, erzählt Gabi Späthe. Aus dieser Gruppe von Menschen speist sich auch die „Nachbarschaftshilfe in da Au“, zu deren „Kümmerin“ Späthe bestellt wurde. Es sei also, wie so oft, wenn Engagierte an neuralgischen Stellen zusammenkommen, alles miteinander verbunden – das „Isidor“, der Digi-Stammtisch und die Nachbarschaftshilfe.

Liebe Frau Späthe, wie haben Sie das Coronajahr mit so vielen unterschiedlichen Hüten auf dem Kopf erlebt?

Späthe: Gemischt, muss ich sagen. In punkto Veranstaltungen ist der Kultursalon natürlich von 100 auf null gestoppt worden. Selbst mit umfangreichen Umbaumaßnahmen hätte sich in den Räumlichkeiten kein sinnvolles Hygienekonzept umsetzen lassen. So liegen die Planungen für Vorträge, Filmabende, Workshops und Co. bis zu einer entscheidenden Besserung der Pandemie-Situation brach. Was allerdings gut geklappt hat, war die Überführung des Digi-Stammtisches in  den Rahmen einer Messenger-Gruppe. Wir sind immer noch ständig in Kontakt und freuen uns darauf, bald wieder Präsenztreffen und Software- oder Smartphonekurse anbieten zu können. Die Nachbarschaftshilfe läuft – bis auf Tests, Masken, Abstände und Desinfektionsmittel – unbeirrt weiter. Besonders schön fand ich es allerdings, dass Mini-Vorhaben ohne große Planung auch während der beiden Lockdowns funktioniert haben: So zum Beispiel die Kunstaktion „Unsere Au“, in deren Rahmen Grundschulkinder ihre Heimat mit Buntstiften darstellen sollten. Die Bilder wurden anschließend auf die digitalen Anzeigetafeln im Ort gespielt und bereiten gerade älteren Menschen bis heute eine unheimliche Freude. Ganz ähnliche Reaktionen bekommen wir auf die Post-Corona-Wunschbänder, mit denen die Kinder einen Baum des Glasmuseums geschmückt haben. Und zu guter Letzt konnten wir den Bewohnerinnen des Rosenium Guts Oberfrauenau anlässlich des Weltfrauentags sonnengelbe Primeln schenken, damit sie während der Ausgangsbeschränkung wenigstens einen kleinen Lichtblick beständig vor Augen haben.

Wo kommt Ihr persönliches Engagement her?

Späthe: Bei mir ist Ehrenamt gleichbedeutend mit Gemeinschaft. Das kommt ohne Zweifel aus der Kindheit und Jugend. Wir haben hier in der Nachbarschaft gewohnt – viele Familien mit Kindern in vielen kleinen Häusern. Man hatte wenig Geld, aber Zeit füreinander und konnte so Dinge bewerkstelligen, die einem wichtig waren. Die Vereinsarbeit kam dann für mich mit dem Bild-Werk Frauenau und dessen künstlerischem Ansinnen. Dreh- und Angelpunkt war das „Gistl“. Umso toller, als der „Kultursalon“ im ehemaligen Schlachthaus der Gistl-Kantine eröffnen konnte. Und dann bin ich auch schon jahrelang in der Flüchtlingshilfe tätig und gut mit der Frauenauer Grundschule vernetzt. Ich bekomme projektseitig für die Nachbarschaftshilfe zwar ein paar Bürostunden pro Woche bezahlt, eigentlich empfinde ich bürgerschaftliches Engagement aber als Lebensart, die alle möglichen Bereiche miteinander verbindet und die ich hier im Ort allgegenwärtig finde. Am Anfang habe ich deshalb sogar an der Sinnigkeit einer offiziellen Nachbarschaftshilfe gezweifelt. Nicht ganz unberechtigt übrigens: Die Corona-Einkaufshilfe beispielsweise, die wir mit Blick auf unsere besonders gefährdeten Seniorinnen und Senioren ins Leben gerufen haben, wurde aufgrund intakter Strukturen und zwischenmenschlicher Beziehungen kaum benötigt. Was sich dann allerdings doch als wichtig erwiesen hat, ist ein fixer Anlaufpunkt. Meine Vertreterin Heidi Lemberger und ich bekommen häufig Anrufe von Menschen, die soziale Missstände beobachten, aber nicht wissen, wie sie helfen oder welche Stellen sie einschalten können. Manchmal fallen Menschen auch einfach durch Sicherungsraster. Wenn beispielsweise ein Schein für die Tafeln vorliegt, aber eine Gehbehinderung ans Haus fesselt – oder das wenige vorhandene Geld nahezu vollständig dem Tabakkonsum zum Opfer fällt.

Wie sehen Ihre Wünsche für Nachbarschaftshilfe und Co. aus?

Späthe: Wie in fast allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens besteht meine größte Hoffnung in einem Neustart unserer Aktivitäten. Zahlreiche Projekte befinden sich aktuell in der Pipeline: So wollen wir den physischen Digi-Stammtisch nach der Zweitimpfung seiner Mitglieder, – circa Mitte Juli sollten alle Sicherheitsfristen durchlaufen sein – wiederbeleben. Und dann gilt es auch einige „Corona-Schäden“ zu beheben: Durch die Pandemie-bedingte Schulsituation sind Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund noch stärker als ohnehin bereits unter Druck geraten. Glücklicherweise konnten wir vier Lernpaten gewinnen, die sich der Jungen und Mädchen regelmäßig mit Einverständnis ihrer Eltern annehmen. Diese Aktion wollen wir im Zuge der anstehenden Lockerungen offiziell machen und bewerben. Um finanziell Benachteiligte unterstützen zu können und auch dem Nachhaltigkeitsgedanken Genüge zu tun, planen wir außerdem einen Umverteilungs- oder Umsonstladen in den Räumlichkeiten des „Isidor“ sowie einen Näh- oder Repairtreff, wo Alt und Jung vom Wissen und der Gesellschaft des jeweils anderen profitieren können.

 

Das Regionalmanagement-Projekt „Förderung des bürgerschaftlichen Engagements“ wird gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie.